„Keep calm and carry cash“. So hat die Europäische Zentralbank einen Aufsatz überschrieben, den sie am 24. September 2025 in ihrem Wirtschaftsbericht 6/2025 veröffentlicht hat. Ruhig bleiben und Bargeld dabeihaben.
Die Autoren haben vier Krisen untersucht: die Corona-Pandemie, den russischen Überfall auf die Ukraine, den Stromausfall auf der Iberischen Halbinsel im April 2025 und die griechische Schuldenkrise. Das Ergebnis ist in allen vier Fällen dasselbe. Wenn Stabilität bedroht ist, greifen Menschen zu Bargeld. Unabhängig davon, welche Art von Krise es ist, wie groß das betroffene Gebiet ist und wie digital ein Land sonst bezahlt.
Das ist die Analyse der Institution, die den Euro ausgibt. Was daraus für ein größeres Vermögen folgt, geht über die Geldbörse weit hinaus. Die Grundfrage dahinter haben wir unter Krisenvorsorge für dein Vermögen beschrieben: Woran kommst du morgen früh noch heran, wenn heute Nacht etwas passiert?
Das Paradox der Banknoten
Bevor die Krisen kommen, ein Befund, der die ganze Studie trägt. Der Anteil von Bargeld an alltäglichen Zahlungen sinkt im Euroraum seit Jahren. Der Wert der umlaufenden Banknoten steigt trotzdem. Er liegt laut EZB seit zehn Jahren bei über 10 Prozent der Wirtschaftsleistung des Euroraums und bei rund 10 Prozent der breiten Geldmenge M3. Die EZB nennt das, mit einem älteren Aufsatz ihres Hauses, das Paradox der Banknoten.
Die Erklärung liegt auf der Hand. Bargeld wird immer weniger zum Bezahlen gebraucht und immer mehr zum Aufbewahren. Als die EZB im Juli 2022 die Zinsen erhöhte, gaben die Banken ihre Bargeldbestände in großem Stil zurück, weil das Halten von Bargeld teurer wurde. Die Nachfrage der Öffentlichkeit ging zwar vorübergehend zurück, wurde aber nie negativ. Menschen halten Bargeld nicht wegen der Zinsen. Sie halten es für den Fall der Fälle.
Bis zur Hälfte des Werts aller Euro-Banknoten wird nach Schätzungen, die der Aufsatz zitiert, außerhalb des Euroraums gehalten. Der Euro in bar dient also weit über den Euroraum hinaus als Reserve.
Die vier Krisen in Zahlen
Die Pandemie. Bis Ende 2020 stieg der Nettoumlauf an Euro-Banknoten um mehr als 140 Milliarden Euro. Das waren über 85 Milliarden Euro mehr als der durchschnittliche Jahresanstieg von rund 55 Milliarden in den Jahren 2015 bis 2019. In den 90 Tagen nach dem 24. Januar 2020 lag die tägliche Nettoausgabe aller Zentralbanken des Eurosystems bei rund 616 Millionen Euro. Ohne Pandemie hätte das Modell der EZB rund 320 Millionen erwartet. Das ist ein Anstieg um 94 Prozent. Eine Auswertung von Befragungsdaten zeigt dabei etwas Bemerkenswertes: Eingeschränkter Zugang zu Bargeld und die Angst vor Ansteckung senkten die Nutzung beim Bezahlen, erhöhten aber die Neigung, Bargeld als Reserve zu Hause zu halten. Allein in dem Monat nach den ersten Lockdowns am 9. März 2020 flossen nach der Berechnung rund 10 Milliarden Euro zusätzlich in den Umlauf.
Der Krieg. Nach dem 24. Februar 2022 stieg die Bargeldnachfrage vor allem in den Ländern nahe am Konflikt. In Estland, Lettland, Litauen, der Slowakei und Finnland lag die Ausgabe von Banknoten sechs bis zehn Standardabweichungen über dem historischen Durchschnitt. Die EZB nennt eine Abweichung dieser Größe „highly unusual“. Auch Deutschland und Österreich verzeichneten eine ungewöhnlich hohe Nachfrage, mit bis zu fünf Standardabweichungen. Die EZB weist darauf hin, dass Kreditinstitute beider Länder stark im internationalen Bargeldhandel engagiert sind. Je größer die Entfernung zum Krieg, desto näher lag die Nachfrage am Normalmaß. Die Autoren lesen darin ein klares Vorsorgemotiv. Im ersten Kriegsmonat stieg die tägliche Nettoausgabe in den Grenzländern ursächlich um 36 Prozent. Und das in Staaten, die zu den am stärksten digitalisierten Zahlungsmärkten Europas gehören.
Der Stromausfall. Am 28. April 2025 kurz nach Mittag verlor das Stromnetz der Iberischen Halbinsel die Synchronisation mit dem europäischen Netz. Über 50 Millionen Menschen waren betroffen, manche Gebiete bis zu 22 Stunden. Kartenzahlungen, Geldautomaten, mobile Wallets fielen stundenlang aus. Laut den Daten, die der EZB-Aufsatz zitiert, brach das Kartengeschäft in den betroffenen Gebieten um 41 bis 42 Prozent ein, der Onlinehandel um rund 54 Prozent. Für viele Menschen wurde Bargeld an diesem Tag zum einzigen Zahlungsmittel, das noch funktionierte. Wer es zu Hause hatte, konnte zahlen. Nach Befragungsdaten der EZB hielten 39 Prozent der Spanier vorsorglich Bargeld zu Hause.
An den Geldautomaten zeigte sich ein doppeltes Bild. In den betroffenen Gebieten fielen die Abhebungen am Tag selbst, weil die Automaten nicht liefen. In den nicht betroffenen Gebieten, auf den Balearen, den Kanaren, in Ceuta und Melilla, stiegen sie deutlich über das Normalmaß. In den Tagen danach lagen die Abhebungen auf dem Festland bei einem Index von 379, wo 100 dem erwarteten Normalbedarf entspricht. Das Modell der EZB hätte selbst nach dem Nachholeffekt nur 269 erwartet.
Die Schuldenkrise. In Griechenland erreichte die monatliche Nettoausgabe von Banknoten im Juni 2015 fast 5 Milliarden Euro, ein historischer Höchstwert. Am 18. Juni 2015, dem Tag eines Treffens der Eurogruppe ohne Einigung, lag die Nettoausgabe an einem einzigen Tag über 300 Millionen Euro. Kurz darauf erklärte die Regierung einen Bankfeiertag und führte Kapitalverkehrskontrollen mit täglichen Abhebungsgrenzen ein. Über sechs Monate summierte sich die zusätzliche Bargeldnachfrage auf rund 11,2 Milliarden Euro. Der Stressindikator der EZB für griechische Staatsanleihen erreichte im Juli 2015 den Wert 0,82 auf einer Skala von 0 bis 1. Die Bargeldnachfrage lief laut EZB eng mit diesem Indikator mit.
Was Griechenland 2015 zeigt
Die griechischen Zahlen verdienen einen zweiten Blick, weil sie etwas zeigen, was die anderen drei Krisen nicht zeigen.
Pandemie, Krieg und Stromausfall kamen von außen. In Griechenland lag der Auslöser im eigenen Bankensystem. Die Europäische Kommission erklärte am 29. Juni 2015, die griechischen Kapitalverkehrskontrollen seien nach vorläufiger Prüfung gerechtfertigt (Erklärung STATEMENT/15/5271). Die Stabilität des Finanz- und Bankensystems sei ein zwingender Grund des Allgemeininteresses.
Das heißt: Wer sein Geld vor dem Bankfeiertag abgehoben hatte, hatte es. Wer es auf dem Konto ließ, hatte einen Anspruch, auf den er nur noch in Tagesraten zugreifen durfte. Der Unterschied zwischen beiden war nicht die Höhe des Vermögens. Es war der Zeitpunkt.
Was die EZB daraus schließt
Der Aufsatz beschreibt Bargeld nicht nur als Zahlungsmittel. Er beschreibt es als Sicherung eines ganzen Systems.
Digitale Zahlungswege seien auf Effizienz optimiert. Bargeld liefere die Redundanz, die kein System entbehren könne, einen „spare tire“, ein Reserverad für den Zahlungsverkehr. Weit verbreitete private Bargeldbestände bildeten ein dezentrales Liquiditätsnetz, wenn zentrale Systeme ausfallen. Etwas, das ein rein digitales System nicht nachbilden könne. Die Autoren nennen Bargeld deshalb eine Art gesellschaftliche Versicherung, eine kostengünstige Absicherung gegen große Instabilität im System.
Und dann ein Satz, der für jeden zählt, der Vermögen schützen will. Bargeld könne ein Gegengewicht zu konzentrierter Macht in Zahlungssystemen sein und Nutzern die Möglichkeit geben, Transaktionen ohne Aufzeichnung zu machen. Das schreibt die Europäische Zentralbank.
Konkret verweist der Aufsatz auf Empfehlungen einzelner Staaten. Behörden in den Niederlanden, in Österreich und in Finnland raten, pro Haushaltsmitglied etwa 70 bis 100 Euro bar vorrätig zu halten oder genug für rund 72 Stunden. Finnland prüft nach dem Aufsatz sogar Geldautomaten, die auch bei Störungen der digitalen Systeme weiterlaufen. Die Europäische Kommission hatte in ihrer Strategie für eine Union der Krisenvorsorge im März 2025 empfohlen, Vorräte für mindestens 72 Stunden zu halten.
Deutschland, Österreich, Schweiz
Für Deutschland hat die Bundesbank im April 2025 eine eigene Befragung veröffentlicht. 2017 wurden noch etwa drei Viertel der alltäglichen Zahlungen bar abgewickelt, 2023 nur noch knapp die Hälfte. An erster Stelle der Vorteile nennen die Befragten die technische Ausfallsicherheit. Die Bundesbank verweist zugleich auf ihre Zukunftsstudie mit drei Szenarien bis 2037. Wörtlich: „In zwei der drei Szenarien ist die Wahlfreiheit zwischen Bargeld und unbaren Zahlungsmitteln praktisch nicht mehr gegeben.“
In Österreich empfiehlt die Oesterreichische Nationalbank, für einen längeren Ausfall elektronischer Zahlungsmittel ausreichend Bargeld vorrätig zu haben: 100 Euro pro Familienmitglied, in kleiner Stückelung, gut gesichert zu Hause.
In der Schweiz nennt das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung in seiner Liste für den Notvorrat ausdrücklich auch etwas Bargeld.
Drei Länder, drei Behörden, dieselbe Empfehlung. Halte Bargeld griffbereit.
Der Widerspruch, den niemand auflöst
Dieselbe Europäische Union, deren Zentralbank Bargeld als Reserverad des Zahlungssystems beschreibt, hat im Jahr 2024 eine Obergrenze für Barzahlungen beschlossen. Nach Artikel 80 der Verordnung (EU) 2024/1624 dürfen Händler und Dienstleister ab dem 10. Juli 2027 höchstens 10.000 Euro bar annehmen oder zahlen. Die Mitgliedstaaten dürfen niedrigere Grenzen festlegen.
Die Verordnung sieht selbst vor, dass Mitgliedstaaten die Grenze in Fällen höherer Gewalt aussetzen können, etwa nach Naturkatastrophen, wenn andere Zahlungswege ausfallen. Mit anderen Worten: Der Gesetzgeber weiß, dass Bargeld in der Krise gebraucht wird. Er begrenzt es trotzdem für den Normalfall.
Für eine Reserve zu Hause ändert das wenig. Für den Umgang mit größeren Summen ändert es viel.
Und noch etwas gehört zum Bild. Bargeld zu Hause liegt im eigenen Land, im Zugriff des eigenen Rechts. Das ist für die ersten Tage einer Störung genau richtig. Für ein Vermögen, das Jahre überdauern soll, ist es genau der Ort, an dem es am leichtesten erreichbar ist. Die EZB-Studie beantwortet die Frage nach dem Zahlungsmittel. Die Frage nach dem Aufbewahrungsort beantwortet sie nicht.
Was das für dein Vermögen heißt
Die Lehre der EZB-Studie gilt für den Alltag. Für ein Vermögen ist sie nur der Anfang.
Eine Bargeldreserve für einige Tage ist vernünftig. Sie ist auch billig. Aber sie ist keine Vermögenssicherung. Eine Reserve für 72 Stunden ist für 72 Stunden gedacht. Die griechischen Abhebungsgrenzen von 2015 waren nicht nach 72 Stunden vorbei.
Für ein größeres Vermögen stellt die Studie dieselbe Frage in größerem Maßstab. Wie viel deines Vermögens hängt an einem einzigen System, das im Ernstfall schließt?
Die Antwort ist Redundanz. Nicht aus Misstrauen gegen ein einzelnes Land, sondern weil kein System ausfallsicher ist. Das sagt inzwischen auch die Zentralbank.
- Eine Bargeldreserve für die ersten Tage, zu Hause, in kleiner Stückelung.
- Konten in mehr als einer Rechtsordnung, damit ein Bankfeiertag nicht alles einfriert.
- Physische Sachwerte außerhalb des Bankensystems. Welche Formen es gibt und wo ihre Grenzen liegen, steht in Investition in Sachwerte.
- Eine klare Regelung, wer im Ernstfall handeln darf, wenn du es nicht kannst.
Am letzten Punkt hängt oft alles andere. Eine Reserve, an die im Ernstfall niemand herankommt, ist keine Reserve. Das gilt für die Bargeldschatulle ebenso wie für ein Konto im Ausland oder ein Metalllager. Vollmachten, Zugangsdaten und Nachweise gehören zur Vorsorge wie das Vermögen selbst.
Für Immobilien in Deutschland gilt eine eigene Logik. Eine Immobilie kann niemand abheben. Sie steht im Grundbuch, und über das Grundbuch lief auch der historische Lastenausgleich. Für Eigentümer, die in Deutschland bleiben, gibt es dafür eine Lösung ohne Eigentumsübertragung: gezielte Eintragungen im Grundbuch zugunsten einer Struktur außerhalb der EU, wahlweise einer Wyoming LLC oder einer Stiftungs-Limited. Du bleibst Eigentümer, die steuerliche Situation bleibt unverändert, und alle Maßnahmen sind reversibel.
Die EZB hat ihren Aufsatz mit einem Gedanken geschlossen, der sich auf jedes Vermögen übertragen lässt: Die Infrastruktur muss auf die seltenen, heftigen Ausschläge vorbereitet sein, nicht auf den Durchschnitt. Für dein Vermögen gilt dasselbe. Vorsorge wird nicht am Normalfall gemessen. Sie wird an dem einen Tag gemessen, an dem sie gebraucht wird.