Zweimal im Jahr veröffentlicht die Europäische Zentralbank ihren Finanzstabilitätsbericht. Die Ausgabe vom Mittwoch, dem 21. Mai 2025, enthält etwas Ungewöhnliches. Die EZB widmet dem Gold einen eigenen Kasten. Sein Titel: „What does the record price of gold tell us about risk perceptions in financial markets?“ Was verrät der Rekordpreis für Gold über die Wahrnehmung von Risiken an den Finanzmärkten?
Die Antwort der Zentralbank ist bemerkenswert offen. Sie beschreibt Gold mit zwei Eigenschaften, die auf Papiergeld nicht zutreffen, auch nicht auf den Euro. Und sie beschreibt, wie große Anleger sich seit Monaten verhalten: Sie wollen das Metall physisch in die Hand bekommen.
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Zwei Eigenschaften, die kein Geld hat
Der Kasten der EZB beginnt mit einer Feststellung: Gold wirft keinen Ertrag ab, anders als die meisten Anleihen und Aktien. Seine Anziehungskraft beruhe stattdessen auf zwei Eigenschaften, gerade in Zeiten hoher Unsicherheit.
Die erste im Wortlaut: „it is not a liability of any counterparty and thus carries no default risk.“ Gold ist also keine Verbindlichkeit einer Gegenpartei und trägt deshalb kein Ausfallrisiko.
Die zweite: „given its limited and relatively inelastic supply, it retains its intrinsic value and cannot be debased.“ Weil das Angebot begrenzt ist und kaum auf den Preis reagiert, behält Gold seinen inneren Wert und kann nicht entwertet werden.
Man muss sich klarmachen, wer das schreibt. Es ist die Institution, die den Euro ausgibt. Jede Banknote ist eine Verbindlichkeit der Zentralbank. Jedes Bankguthaben ist eine Forderung gegen eine Bank. Jede Staatsanleihe ist ein Versprechen eines Staates. Gold ist nichts davon. Es ist einfach da.
Deshalb gilt Gold nach der EZB als Mittel zur Streuung, als Absicherung gegen Inflation und gegen eine Abwertung des Dollar und als sicherer Hafen in Zeiten schwerer Finanz- oder geopolitischer Spannungen.
Wer Gold kauft und warum Zinsen weniger zählen
Die EZB stützt sich auf Schätzungen des World Gold Council. Danach gingen im ersten Quartal 2025 rund 33 Prozent der Goldproduktion in Schmuck, 6 Prozent in die Technik, 19 Prozent an Zentralbanken und 42 Prozent in Anlagen. Gold ist also zu einem großen Teil ein Finanzgut, kein Industriestoff.
Die EZB vermerkt außerdem, dass Gold zwar keinen laufenden Ertrag bringt, sich aber beleihen oder gegen eine Leihgebühr verleihen lässt. Und sie verweist auf eine Beobachtung aus ihrem eigenen Bericht vom November 2024: Die gestiegene Nachfrage habe den früher negativen Zusammenhang zwischen langfristigen Realzinsen und dem Goldpreis umgekehrt. Früher galt die Faustregel, dass steigende Realzinsen Gold unattraktiver machen. Diese Regel hat nach der Beobachtung der EZB zuletzt nicht mehr gegriffen.
Was die Zahlen zeigen
Die EZB hat untersucht, wie sich Aktien, Gold, amerikanische Staatsanleihen und der Dollar in Stressphasen seit Januar 1997 verhalten haben. Ihr Ergebnis: Gold schneidet in solchen Phasen gut ab. Bei hohen geopolitischen Risiken steigt Gold, während Aktien und Anleihen tendenziell fallen. Bei großer wirtschaftspolitischer Unsicherheit entwickelt sich Gold besser als Aktien und der Dollar.
In den extremsten Fällen, wenn geopolitisches Risiko, Börsenpanik und politische Unsicherheit zusammenkommen, steigen Gold und Dollar gemeinsam, während Aktien und Anleihen deutlich fallen. Die EZB nennt als Beispiele die Anschläge vom 11. September 2001, den Beginn der Pandemie und den russischen Einmarsch in die Ukraine.
Die EZB hält auch eine Einschränkung fest. In eher klassischen Episoden von Finanzstress schneiden Staatsanleihen und der Dollar nach ihrer Auswertung sogar noch besser ab als Gold. Gold ist also nicht in jeder Krise der Gewinner. Es ist der Wert, der in den Krisen hält, in denen Staaten selbst die Ursache der Unsicherheit sind.
Ihre Schlussfolgerung im Kasten ist eindeutig: Gold ist ein sicherer Hafen in Zeiten von Stress an den Finanzmärkten oder erhöhter geopolitischer und politischer Unsicherheit.
Die Zentralbanken kaufen selbst
Ein Detail im Bericht verdient besondere Aufmerksamkeit. In den vergangenen drei Jahren haben nach der EZB Zentralbanken, vor allem aus Schwellenländern, zunehmend Gold gekauft. Der Grund, den die EZB nennt: „most likely to insulate themselves from the effects of geopolitical tensions or potential sanctions“. Also am wahrscheinlichsten, um sich gegen die Folgen geopolitischer Spannungen oder möglicher Sanktionen abzuschirmen.
Das ist ein bemerkenswerter Satz. Staaten, die ihre Reserven in Anleihen und Guthaben halten, halten sie im Machtbereich anderer Staaten. Eine Forderung kann gesperrt werden. Ein Guthaben kann eingefroren werden. Gold im eigenen Tresor nicht.
Was für Zentralbanken gilt, gilt im Kleinen auch für dich. Ein Bankguthaben ist eine Forderung, die im Ernstfall von den Entscheidungen anderer abhängt. Physisches Gold an einem Ort, zu dem du Zugang hast, ist es nicht.
Die Flucht ins Physische
Der zweite Teil des Kastens beschreibt eine Bewegung an den Terminmärkten. Zur Einordnung erklärt die EZB die beiden großen Handelsplätze. London ist traditionell das Zentrum für physisches Gold und für außerbörsliche Verträge ohne physische Lieferung. Die New Yorker COMEX ist das Zentrum für Terminkontrakte mit physischer Lieferung. Die EZB berichtet, dass an der New Yorker Terminbörse COMEX die Goldbestände in den Lagern deutlich gestiegen sind. Die Zahl der Terminkontrakte, bei denen eine physische Lieferung angemeldet wurde, war 2025 historisch hoch. Die Meldungen im Januar 2025 waren die höchsten seit Juli 2007.
Die EZB deutet das so: Anleger bevorzugen lange Positionen in physischem Gold gegenüber Kontrakten, die nicht in Metall abgewickelt werden. Nach Umfragen vom Februar und März 2025 erwarteten 58 Prozent der Vermögensverwalter, dass Gold in einem ausgewachsenen Handelskrieg die beste Anlageklasse wäre.
Die Zölle selbst betreffen Gold kaum. In einer Fußnote hält die EZB fest, dass Gold wie andere Metalle von den angekündigten Einfuhrzöllen ausgenommen wurde. Vor der amerikanischen Zollankündigung vom 2. April wurde nach Berichten, auf die sich die EZB stützt, Gold aus London nach New York verschifft. Die Sorge vor Einfuhrzöllen und höhere Preise an der New Yorker Börse als am Londoner Kassamarkt trieben das an. In London stiegen dadurch die Kosten, sich Gold zu leihen und zu beschaffen.
Das Risiko liegt im Papier
Die EZB schaut als Aufseherin vor allem auf die Finanzstabilität. Ihr Blick gilt deshalb nicht dem Barren, sondern den Verträgen, die sich auf Gold beziehen.
Die Zahlen sind groß. Im Euroraum lag das Bruttonominalvolumen von Gold-Derivaten im März 2025 bei einer Billion Euro, 58 Prozent mehr als im November 2024. Ein erheblicher Teil wird außerbörslich gehandelt und nicht zentral abgerechnet. Rund 48 Prozent der Kontrakte haben eine Bank als Gegenpartei. Der größte Teil der Engagements europäischer Banken läuft gegenüber Partnern außerhalb des Euroraums. Zum Vergleich: Gold-ETFs im Euroraum summierten sich Ende 2024 auf 50 Milliarden Euro, gehalten vor allem von Haushalten und Investmentfonds. Bei Silber lag das Volumen der Derivate im März 2025 nach der EZB bei 52 Milliarden Euro, bei Aluminium bei 106 Milliarden Euro. Der Goldmarkt ist damit um ein Vielfaches größer.
Die EZB warnt vor Extremszenarien. Rohstoffmärkte seien auf wenige große Firmen konzentriert, oft mit Kredit gehebelt und durch außerbörsliche Derivate intransparent. Nachschussforderungen und das Auflösen gehebelter Positionen könnten Liquiditätsstress auslösen. Störungen im physischen Markt könnten zu einem Squeeze führen: Wer Gold liefern muss, bekommt es nicht rechtzeitig und nicht in der richtigen Form.
Hier liegt die eigentliche Lehre. Das Metall selbst hat kein Ausfallrisiko. Ein Vertrag über das Metall hat eines. Wer „Gold“ über ein Zertifikat, ein Konto oder einen Terminkontrakt hält, hält eine Forderung. Wer einen Barren hält, hält den Wert selbst.
Was der Bericht sonst über die Lage sagt
Der Kasten steht nicht allein. Der Finanzstabilitätsbericht beschreibt die Marktturbulenzen nach dem 2. April ausführlich. Ungewöhnlich war, dass die Renditen amerikanischer Staatsanleihen stiegen, also Anleihen verkauft wurden, während sonst in Stressphasen das Gegenteil passiert. Der Dollar verlor an Wert, auch gegenüber dem Euro. Japanischer Yen und Schweizer Franken legten als sichere Häfen zu.
Die EZB nennt technische Gründe, etwa Fondsabflüsse und Nachschussforderungen. Sie schreibt aber auch, diese Bewegungen könnten eine grundlegendere Neubewertung amerikanischer Anlagen widerspiegeln. Und über Gold heißt es: Der Preis habe vorübergehend nachgegeben, setze aber insgesamt seinen langfristigen Trend zu neuen Rekorden fort.
Die Zahlen der LBMA bestätigen das. Der LBMA Gold Price erreichte am Nachmittag des 22. April 2025 mit 3.433,55 Dollar seinen bisherigen Rekord. Am 21. Mai, dem Tag des Berichts, lag er bei 3.299,65 Dollar oder 2.908,97 Euro.
Deutschland, Österreich, Schweiz
Für Leser in Deutschland und Österreich ist die EZB die eigene Zentralbank. Der Euro ist ihre Währung. Der Bericht beschreibt also das Risikobild für das Geld, in dem ihr Vermögen denominiert ist.
Für Leser in der Schweiz ist die Schweizerische Nationalbank zuständig. Der Bericht vermerkt aber, dass der Franken in den Turbulenzen als sicherer Hafen gefragt war. Wer in Franken denkt, hat damit einen Vorteil, der sich in den Goldpreisen in Euro und Dollar nicht spiegelt.
Die Regeln für den Kauf unterscheiden sich. In Deutschland ist die Lieferung von Anlagegold nach dem Umsatzsteuergesetz steuerfrei. Gewinne aus physischem Gold sind nach dem Einkommensteuergesetz nach einem Jahr Haltedauer steuerfrei. Händler müssen nach dem Geldwäschegesetz bei Barzahlungen für Edelmetalle ab 2.000 Euro die allgemeinen Sorgfaltspflichten erfüllen, also dich identifizieren. Und die EU-Geldwäscheverordnung begrenzt Barzahlungen für Güter ab dem 10. Juli 2027 EU-weit auf 10.000 Euro. Für Österreich und die Schweiz gelten eigene Regeln. Wer dort kauft oder lagert, sollte Umsatzsteuer, Haltefristen und Identifizierungspflichten vor dem Kauf klären, nicht danach.
Was das für deine Vorsorge heißt
Wenn eine Zentralbank über Gold schreibt, es könne nicht entwertet werden und sei keine Verbindlichkeit einer Gegenpartei, dann ist das keine Empfehlung. Es ist eine Beschreibung. Aber eine, die man ernst nehmen sollte.
Für deine Krisenvorsorge folgen daraus vier Punkte.
Erstens: Halte Metall, keine Versprechen. Die EZB beschreibt, dass das Risiko in den Verträgen liegt, nicht im Metall. Zertifikate und Konten sind Forderungen. Barren und Münzen sind es nicht.
Zweitens: Kümmere dich um den Zugang. Gold nützt in der Krise nur, wenn du herankommst. Wie du Edelmetall hältst und wo du es lagerst, beschreibt unsere Übersicht zu Edelmetallen.
Drittens: Rechne mit Schwankungen. Auch nach Ansicht der EZB hat Gold im April vorübergehend nachgegeben, bevor es neue Rekorde erreichte. Gold ist eine Reserve, kein Konto für kurzfristige Ausgaben. Wer es zu einem festen Termin braucht, riskiert, zum ungünstigsten Zeitpunkt verkaufen zu müssen.
Viertens: Denk über das Metall hinaus. Gold schützt gegen Entwertung und Gegenparteirisiko. Es schützt nicht gegen den Zugriff auf das, was im Grundbuch steht. Für deutsche Immobilien haben wir eine Lösung über das Grundbuch entwickelt, mit einer Stiftungs-Limited in UK oder einer Wyoming LLC in den USA, die dir gehört oder von dir kontrolliert wird. Zu ihren Gunsten nimmt dein Notar Eintragungen im Grundbuch vor, ohne Eigentümerwechsel, bei unveränderter steuerlicher Situation und jederzeit reversibel. Warum Sachwerte in unsicheren Zeiten ihre Rolle haben, haben wir am Beispiel der Investition in Sachwerte beschrieben.
Die EZB hat in einem Satz zusammengefasst, warum Gold seit Jahrtausenden gehalten wird. Es ist keine Verbindlichkeit. Es kann nicht entwertet werden. Mehr muss man über die Rolle von Gold in der Vorsorge nicht wissen.