Am 1. August 2025 hat die Europäische Bankenaufsicht EBA die Ergebnisse ihres Stresstests veröffentlicht.
Die Überschrift der Behörde lautet sinngemäß: Europas Banken bleiben widerstandsfähig.
Die Zahl dahinter lautet: 547 Milliarden Euro Verlust.
So viel würden 64 Banken aus 17 Ländern der EU und des Europäischen Wirtschaftsraums in drei Krisenjahren verlieren, wenn das Szenario der Aufseher eintritt. Diese 64 Banken halten zusammen 75 Prozent der Bilanzsumme des EU-Bankensektors. So steht es in der Pressemitteilung der EBA.
Wer sein Geld bei einer dieser Banken liegen hat, sollte beides lesen. Die Beruhigung und die Zahl. Warum ein Teil des Vermögens außerhalb dieses Systems liegen sollte, haben wir unter Nicht-EU-Bankkonten zusammengefasst.
Was die EBA gerechnet hat
Ein Stresstest ist kein Wetterbericht. Er ist ein Gedankenexperiment. Die Aufseher schreiben ein schweres Krisenszenario und lassen die Banken rechnen, was es mit ihrem Kapital macht.
Das Szenario 2025 ist in den Worten der EBA eine scharfe Verschlechterung des weltwirtschaftlichen Umfelds. Getrieben durch neue geopolitische Spannungen, eine verfestigte Zersplitterung des Handels einschließlich höherer Zölle und anhaltende Angebotsschocks.
Die Eckdaten aus dem Ergebnisbericht:
- Die Wirtschaftsleistung der EU fällt von 2024 bis 2027 real um 6,3 Prozent.
- Die Arbeitslosigkeit steigt im EU-Schnitt um 5,8 Prozentpunkte.
- Europäische Aktien verlieren 2025 die Hälfte ihres Werts.
- Gewerbeimmobilien fallen in drei Jahren um 29,5 Prozent.
- Wohnimmobilien fallen bis 2027 um 15,7 Prozent.
- Die langfristigen Zinsen steigen auf rund 4,8 Prozent.
Das ist kein Weltuntergang. Es ist eine schwere Rezession, wie Europa sie schon erlebt hat.
Und die EBA schreibt selbst, dass einzelne Elemente des Szenarios bereits begonnen haben, sich zu verwirklichen. Sie nennt ausdrücklich die neuen Zölle der US-Regierung und wieder aufflammende Spannungen im Nahen Osten.
Was mit dem Kapital der Banken passiert
Die zentrale Kennzahl im Stresstest ist das harte Kernkapital im Verhältnis zu den risikogewichteten Aktiva. Fachleute sagen CET1-Quote. Sie zeigt, wie viel eigenes Geld eine Bank hat, um Verluste aufzufangen.
Zu Beginn lag diese Quote über alle 64 Banken bei 15,8 Prozent.
Am Ende des Krisenszenarios liegt sie bei rund 12 Prozent. Ein Rückgang um 370 Basispunkte.
Im letzten Test von 2023 waren es noch 479 Basispunkte und 496 Milliarden Euro Verlust. Die Banken starten heute mit mehr Kapital und verdienen mehr. Das federt ab.
Zwei Details aus dem Bericht verdienen Aufmerksamkeit.
Erstens: Die Quoten sind mit Übergangsregeln gerechnet. Das neue europäische Bankenpaket gilt seit dem 1. Januar 2025, wird aber schrittweise bis 2033 eingeführt. Rechnet man die Regeln schon heute voll an, liegt die Quote der Banken zu Beginn um 1,29 Prozentpunkte niedriger. Im Krisenszenario bleibt sie dann nach Angaben der EBA über 11 Prozent.
Zweitens: Im Krisenszenario reißen 17 Banken in mindestens einem Jahr die Schwelle, ab der sie Ausschüttungen kürzen müssen. Das heißt weniger Dividenden, weniger variable Vergütung. Unter die Mindestanforderung ihrer Aufsicht fällt beim Kernkapital keine Bank.
Eine Bestehensgrenze gibt es nicht. Die EBA betont, dass der Test keinen festen Schwellenwert für Bestehen oder Durchfallen kennt. Die Ergebnisse gehen in die laufende Aufsicht ein. Die nationalen Aufseher sprechen mit jeder Bank über Kapital und Ausschüttungen.
Die schwächsten Werte kommen aus Deutschland
Der Durchschnitt beruhigt. Die Einzelwerte weniger.
Der Ergebnisbericht enthält im Anhang die Zahlen jeder einzelnen Bank. Zwei Werte fallen auf.
Die Landesbank Baden-Württemberg startet mit einer Quote von 16,9 Prozent und endet im Krisenszenario bei 6,8 Prozent. Ein Rückgang um mehr als zehn Prozentpunkte.
Die Landesbank Hessen-Thüringen startet bei 16,5 Prozent und endet bei 7,5 Prozent.
Das sind die beiden niedrigsten Endwerte aller 64 Banken im Test. In Basispunkten gerechnet verliert die LBBW 1.003, die Helaba 896. Über alle 64 Banken zusammen sind es 370, nicht einmal die Hälfte davon.
Weitere deutsche Institute im Test, darunter:
- Bayerische Landesbank: von 21,3 auf 14,3 Prozent
- Norddeutsche Landesbank: von 19,0 auf 13,5 Prozent
- DZ Bank: von 17,5 auf 13,6 Prozent
- Commerzbank: von 15,3 auf 10,5 Prozent
- Deutsche Bank: von 14,0 auf 10,2 Prozent
Aus Österreich waren zwei Banken dabei. Die Erste Group fällt von 16,1 auf 12,5 Prozent, die Raiffeisen Bank International von 17,6 auf 15,7 Prozent. Das sind 357 und 184 Basispunkte.
Keine dieser Zahlen bedeutet, dass eine Bank wackelt. Sie zeigen, wo der Puffer am dünnsten wird, wenn es ernst wird. Und dieser Puffer fängt Verluste als Erstes auf. Ist er aufgebraucht, geht es an das Geld der Gläubiger.
Warum Zölle und Immobilien im Szenario stehen
Das Krisenszenario schreibt nicht die EBA allein. Es entsteht gemeinsam mit dem Europäischen Ausschuss für Systemrisiken und der EZB. Laut Bericht greift es die wichtigsten Risiken auf, die der Ausschuss für das europäische Bankensystem sieht.
Zwei davon betreffen dich direkt.
Handel. Das Szenario unterstellt eine Welt, in der Protektionismus und Zölle zunehmen, Energie teurer wird und Lieferketten reißen. Exportstarke Volkswirtschaften trifft das besonders. Deutschland gehört dazu.
Immobilien. Wohnimmobilien fallen im Szenario um 15,7 Prozent, Gewerbeimmobilien um 29,5 Prozent. Die EBA schreibt, dass die Immobilien- und Bausektoren wie in früheren Tests zu den am stärksten betroffenen Bereichen gehören.
Für einen Eigentümer heißt das zweierlei. Der Wert seiner Immobilie ist Teil des Risikos, das die Aufseher durchspielen. Und seine Bank, die ihm Kredit gibt, hält dieselben Immobilienrisiken in der eigenen Bilanz.
Was du über deine eigene Bank erfährst
Die EBA veröffentlicht die Daten jeder teilnehmenden Bank. Wer seine Bank in der Liste findet, kann nachlesen, wie ihr Kapital im Krisenszenario schrumpft.
Nicht jede Bank steht dort. Im Test stehen die großen, grenzüberschreitend tätigen Häuser. Einzelne Sparkassen und Volksbanken stehen nicht auf der Liste.
Über die Sicherheit kleinerer Banken sagt das nichts. Es heißt nur: Für sie gibt es keinen öffentlichen Stresstest dieser Art. Wer dort große Beträge hält, verlässt sich auf Informationen, die er nicht selbst prüfen kann.
Wer im Ernstfall zahlt
Hier kommt der Teil, den der Stresstest nicht rechnet.
Seit der Finanzkrise gilt in der EU ein neues Prinzip. Eine Bank, die scheitert, soll nicht mehr mit Steuergeld gerettet werden. Sie soll von ihren Eigentümern und Gläubigern gerettet werden.
In Deutschland steht das im Sanierungs- und Abwicklungsgesetz. Liegen die Voraussetzungen für eine Abwicklung vor, kann die Abwicklungsbehörde anordnen, dass Verbindlichkeiten der Bank in Anteile umgewandelt oder herabgeschrieben werden. Das Instrument heißt Gläubigerbeteiligung. International sagt man Bail-in.
Und wichtig: Ein Guthaben auf deinem Konto ist aus Sicht der Bank eine Verbindlichkeit. Du bist ihr Gläubiger.
Das Gesetz nimmt einige Verbindlichkeiten aus. Die wichtigste für Privatleute: gedeckte Einlagen bis zur Höhe der gesetzlichen Einlagensicherung. Die liegt nach dem Einlagensicherungsgesetz bei 100.000 Euro pro Kunde und Bank. In Österreich gilt nach dem Einlagensicherungs- und Anlegerentschädigungsgesetz dieselbe Grenze.
Alles darüber ist nicht ausgenommen.
Wer also 400.000 Euro auf einem Konto hält, hat 100.000 Euro gesetzlich gesichert und 300.000 Euro als Forderung gegen eine Bank, die im Ernstfall zur Kasse gebeten werden kann.
Das ist schon passiert
Das Instrument ist nicht theoretisch.
Am 6. Juni 2017 hat die Europäische Zentralbank festgestellt, dass die spanische Banco Popular ausfällt oder wahrscheinlich ausfallen wird. Am nächsten Tag hat der Einheitliche Abwicklungsausschuss entschieden. Nach der Mitteilung des Ausschusses wurden alle Aktien und Kapitalinstrumente der Bank an Banco Santander übertragen. Kaufpreis: 1 Euro.
Die Einleger wurden geschützt. Die Aktionäre und die Inhaber der Kapitalinstrumente nicht. Im Jahr 2020 hat der Ausschuss entschieden, dass den betroffenen Aktionären und Gläubigern keine Entschädigung zusteht.
Die damalige Vorsitzende des Ausschusses, Elke König, sagte am Tag der Entscheidung laut Mitteilung: „This shows that the tools given to resolution authorities after the crisis are effective to protect taxpayers’ money from bailing out banks“.
Das ist der Kern des Systems. Der Steuerzahler wird geschont. Dafür tragen Eigentümer und Gläubiger den Verlust. Die Abwicklung lief nach Angaben des Ausschusses ohne einen Euro öffentlicher Mittel.
Entscheidend ist, auf welcher Seite dieser Rechnung das eigene Geld steht.
Zwischen der Feststellung der EZB und dem Verkauf lag ein Tag.
Eine lange Vorwarnung gab es in diesem Fall nicht.
Was das für Leser in Deutschland, Österreich und der Schweiz heißt
Für Deutschland und Österreich gilt das beschriebene EU-Recht direkt. Beide Länder hatten Banken im Test.
Die Schweiz ist weder Mitglied der EU noch des Europäischen Wirtschaftsraums. Schweizer Banken waren nicht im Test der EBA, und das europäische Abwicklungsrecht gilt dort nicht. Für Schweizer Leser ist der Test trotzdem ein Signal. Wer Konten oder Depots bei Banken in der EU führt, steht mit diesem Teil seines Vermögens im EU-System.
Drei Dinge, die der Test nicht misst
Der Stresstest misst das Kapital der Banken.
Er misst nicht:
Wie schnell es gehen kann. Das Szenario läuft über drei Jahre. Eine Bankkrise kann über ein Wochenende laufen.
Was mit Kunden passiert. Der Test rechnet Verluste der Bank, nicht die Folgen für Einleger über 100.000 Euro, für Anleihegläubiger oder für Aktionäre der eigenen Bank.
Wie Staaten reagieren. Ein Staat in der Krise hat mehr Werkzeuge als die Bankenaufsicht. Welche er nutzt, entscheidet er in der Lage selbst.
Ein Stresstest ist ein Blick auf die Bilanzen. Wer sein Vermögen schützen will, muss weiter schauen als die Bilanz seiner Bank.
Was du nicht tun musst
Ein Stresstest ist kein Anlass, morgen alles abzuheben.
Bargeld im Haus hat eigene Risiken, von Diebstahl bis Brand, und es bringt keinen Zins. Auch ein hektischer Wechsel der Bank löst das Grundproblem nicht, weil jede Bank im Euroraum demselben Recht unterliegt.
Worum es geht, ist etwas Ruhigeres: Struktur statt Reaktion. Wer sein Vermögen verteilt, bevor eine Krise beginnt, muss in der Krise nichts mehr entscheiden. Wer erst reagiert, wenn die Schlagzeilen kommen, reagiert gleichzeitig mit allen anderen. Und dann entscheiden andere über die Reihenfolge.
Was das für dein Vermögen heißt
Die EBA sagt: Die Banken halten durch.
Für dein Vermögen zählt nicht der Durchschnitt. Es zählt, wo dein Geld liegt und in welcher Rechtsordnung.
Konten nicht an einer Stelle bündeln. Die Einlagensicherung gilt pro Bank. Wer große Beträge bei einem einzigen Institut hält, verlässt sich darüber hinaus auf die Bank selbst.
Einen Teil außerhalb der EU halten. Ein Konto außerhalb der EU unterliegt nicht dem europäischen Abwicklungsrecht und nicht dem Zugriff einer europäischen Abwicklungsbehörde. Welche Länder dafür in Frage kommen, steht unter Nicht-EU-Bankkonten. Die Eröffnung selbst läuft über unsere Schwesterseite freedombanking.plus. Die Gründe im Überblick haben wir unter Warum außerhalb der EU? gesammelt.
Depots prüfen. Das Abwicklungsgesetz nimmt auch Verbindlichkeiten aus der Verwahrung von Kundenvermögen aus, soweit dem Kunden in der Insolvenz der Bank ein Recht auf Herausgabe zusteht. Das ist ein anderer Schutz als beim Kontoguthaben. Er hängt aber an der Verwahrkette, und die reicht oft über mehrere Institute. Wo sie Risiken hat, beschreibt Wertpapiere schützen.
Werte ohne Gegenpartei. Gold in eigenem Namen in einem Lager außerhalb der EU ist keine Forderung gegen eine Bank. Es fällt in keine Bankbilanz und in kein Abwicklungsverfahren. Wie das geht, steht in Gold im Ausland lagern.
547 Milliarden Euro sind eine hypothetische Zahl.
Die Rechtslage, nach der im Ernstfall die Gläubiger zahlen, ist keine Hypothese. Sie gilt heute.