Am Donnerstag, dem 5. Juni 2025, hat der EZB-Rat die Leitzinsen erneut gesenkt. Um 0,25 Prozentpunkte. Der Einlagesatz fällt damit auf 2,00 Prozent, wirksam ab dem 11. Juni. So steht es in den geldpolitischen Beschlüssen der EZB.
Das klingt nach einer technischen Nachricht für Banker. Für dich ist es eine Nachricht über dein Konto. Denn der Einlagesatz ist der Zins, über den die EZB ihre Geldpolitik steuert. Er setzt die Richtung für das, was Banken dir für dein Guthaben zahlen. Und diese Richtung zeigt seit einem Jahr nach unten.
Wer sein Vermögen gegen Geldentwertung absichern will, landet schnell bei der Frage, was Sachwerte leisten. Die Grundlagen dazu stehen bei der Investition in Sachwerte. Die Entscheidung vom 5. Juni stellt eine engere Frage: Was ist dein Bankguthaben danach real noch wert?
Acht Senkungen in einem Jahr
Die Zahlen der EZB sind eindeutig. Im September 2023 lag der Einlagesatz bei 4,00 Prozent. Im Juni 2024 kam die erste Senkung. Seitdem ging es Schritt für Schritt abwärts. Der Verlauf im Datenportal der EZB zeigt es:
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- Juni 2024: 3,75 Prozent
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- September 2024: 3,50 Prozent
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- Oktober 2024: 3,25 Prozent
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- Dezember 2024: 3,00 Prozent
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- Februar 2025: 2,75 Prozent
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- März 2025: 2,50 Prozent
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- April 2025: 2,25 Prozent
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- Juni 2025: 2,00 Prozent
Das ist eine Halbierung des Einlagesatzes in zwölf Monaten. Acht Schritte, alle in dieselbe Richtung.
Die EZB begründet den neuen Schritt mit der Inflation. Sie liege derzeit etwa beim mittelfristigen Ziel von 2 Prozent. Die neuen Projektionen der Fachleute des Eurosystems sehen die Teuerung bei durchschnittlich 2,0 Prozent im Jahr 2025, 1,6 Prozent im Jahr 2026 und 2,0 Prozent im Jahr 2027. Ohne Energie und Nahrungsmittel rechnen sie für 2025 mit 2,4 Prozent. Der EZB-Rat legt sich ausdrücklich auf keinen bestimmten Zinspfad fest.
Zwei weitere Sätze aus dem Beschluss sind für dich wichtiger, als sie klingen. Erstens: Die Anleihebestände aus den Kaufprogrammen APP und PEPP schrumpfen, weil die EZB fällige Papiere nicht mehr ersetzt. Zweitens: Das Instrument zur Absicherung der Transmission steht bereit, gegen ungerechtfertigte, ungeordnete Marktdynamiken, die die Übertragung der Geldpolitik auf alle Länder des Euroraums ernsthaft gefährden. Was dieses Instrument erlaubt, hat die EZB bei seiner Einführung im Juli 2022 festgelegt: Käufe von Wertpapieren aus Ländern, deren Finanzierungsbedingungen sich ohne länderspezifischen Grund verschlechtern. Im Mittelpunkt stehen Anleihen des öffentlichen Sektors. Der Umfang ist im Voraus nicht begrenzt.
Das ist eine weitreichende Befugnis. Ihre Wirkung verteilt sich ungleich: Sie drückt die Finanzierungskosten der Staaten, deren Anleihen gekauft werden. Sparer bekommen davon nichts. Und der EZB-Rat erklärt im selben Beschluss, er sei bereit, alle seine Instrumente innerhalb seines Mandats anzupassen.
Der Rückblick: acht Jahre Minuszins, dann die Teuerung
Die Senkung vom 5. Juni steht nicht allein. Sie steht am Ende einer langen Reihe. Im Juni 2014 hat die EZB den Einlagesatz erstmals unter null gesetzt, auf minus 0,10 Prozent. Im September 2019 lag er bei minus 0,50 Prozent. Erst im Juli 2022 kehrte er auf null zurück. Das sind acht Jahre, in denen Banken für Guthaben bei der Zentralbank zahlen mussten.
Dann kam die Teuerung. Die harmonisierte Inflationsrate in Deutschland erreichte im Oktober 2022 11,6 Prozent. Der Preisindex für Deutschland stand im Januar 2020 bei 105,1 Punkten. Im April 2025 stand er bei 131,6 Punkten. Was im Januar 2020 hundert Euro kostete, kostete im April 2025 gut 125 Euro. Umgekehrt gerechnet: Ein Guthaben, das seit 2020 ohne nennenswerte Zinsen auf dem Konto lag, hat rund ein Fünftel seiner Kaufkraft verloren.
Die Zinserhöhungen der Jahre 2022 und 2023 haben diesen Verlust nicht zurückgeholt. Sie haben ihn nur verlangsamt. Und jetzt geht es wieder abwärts.
Was deine Bank dir tatsächlich zahlt
Der Einlagesatz ist der Zins, den Banken bei der EZB bekommen. Was bei dir ankommt, ist etwas anderes. Die EZB veröffentlicht auch das. Für Deutschland zeigen ihre Daten folgendes Bild.
Für täglich fällige Einlagen privater Haushalte, also Girokonto und Tagesgeld, lag der durchschnittliche Zins im März 2025 bei 0,52 Prozent. Im Januar waren es noch 0,56 Prozent.
Für neu abgeschlossene Festgelder bis ein Jahr lag der Zins im März 2025 bei 2,11 Prozent. Im Januar waren es 2,36 Prozent. Jede Zinssenkung der EZB drückt diese Sätze weiter nach unten.
Dem steht die Teuerung gegenüber. Das Statistische Bundesamt meldete am 30. Mai für Deutschland eine Inflationsrate von voraussichtlich 2,1 Prozent im Mai 2025. Ohne Nahrungsmittel und Energie waren es 2,8 Prozent. In Österreich lag die harmonisierte Inflationsrate im April 2025 bei 3,3 Prozent.
Die Rechnung für dein Guthaben
Rechne es einmal an einem runden Betrag durch. Du hast 500.000 Euro auf dem Tagesgeld. Bei 0,52 Prozent Zins bekommst du im Jahr 2.600 Euro gutgeschrieben. Davon gehen 25 Prozent Abgeltungsteuer ab, ohne Freibeträge gerechnet. Bleiben 1.950 Euro.
Gleichzeitig verliert dein Geld bei 2,1 Prozent Inflation rund 10.500 Euro an Kaufkraft. Unter dem Strich stehen etwa 8.500 Euro weniger Kaufkraft. In einem einzigen Jahr. Ohne dass du etwas getan hast.
Beim Festgeld sieht es besser aus, aber nicht gut. 2,11 Prozent vor Steuern werden nach Abgeltungsteuer zu rund 1,6 Prozent. Das liegt unter der Inflationsrate von 2,1 Prozent. Und unter der Kerninflation von 2,8 Prozent erst recht. Mit jeder weiteren Zinssenkung wird der Abstand größer.
Das ist der Kern der Sache: Der Staat besteuert deinen nominalen Zins, nicht deinen realen Ertrag. Wenn dein Zins unter der Inflation liegt, zahlst du Steuer auf einen Gewinn, der real ein Verlust ist.
Wer von negativen Realzinsen profitiert
Ein negativer Realzins ist kein Naturereignis. Er ist ein Umverteilungsmechanismus. Wer Geld verleiht, verliert real. Wer Geld schuldet, gewinnt real. Das gilt für jeden Schuldner, der zu festen Konditionen finanziert ist. Und es gilt für die großen Schuldner in Europa, die Staaten.
Die EZB sagt über ihre Entscheidung, sie sei auf ihr Inflationsziel ausgerichtet. Das ist ihr Mandat. Für dich zählt die Wirkung, nicht die Begründung. Und die Wirkung ist messbar: Wer sein Vermögen auf dem Konto hält, zahlt jedes Jahr einen stillen Beitrag. Er steht in keinem Steuerbescheid. Er wird nicht im Parlament beschlossen. Er kommt über den Zins.
Das ist die eine Seite des Risikos. Die andere ist nicht weniger wichtig.
Das zweite Risiko: Guthaben über 100.000 Euro
Ein Bankguthaben ist rechtlich kein Geld in einem Tresor. Es ist eine Forderung gegen deine Bank. Solange die Bank gesund ist, merkst du den Unterschied nicht. Gerät sie in Schieflage, merkst du ihn sofort.
Die gesetzliche Einlagensicherung deckt in Deutschland 100.000 Euro je Einleger und Bank. In besonderen Fällen, etwa nach einem Hausverkauf, bis zu 500.000 Euro für eine begrenzte Zeit. Alles darüber ist ungesichert.
Und mehr noch: Alles darüber ist bail-in-fähig. Das Sanierungs- und Abwicklungsgesetz gibt der Abwicklungsbehörde das Instrument der Gläubigerbeteiligung. Ausgenommen sind nach dem Gesetz nur die gedeckten Einlagen bis zur Höhe der Deckungssumme. Der Teil deines Guthabens oberhalb dieser Grenze kann im Abwicklungsfall herangezogen werden, um die Bank zu stabilisieren.
Das ist eine Befugnis, die im Gesetz steht. Die Deckung gilt je Einleger und je Bank, nicht je Konto. Wer mehrere Konten bei derselben Bank hat, ist insgesamt nur einmal bis zur Grenze geschützt. Wer hohe Beträge auf dem Konto hält, trägt also zwei Risiken zugleich: den schleichenden Verlust über den Realzins und den plötzlichen Verlust über den Bail-in.
Die Schweiz: anderes Geld, gleiche Richtung
Wer in der Schweiz Franken hält, hängt nicht an der EZB. Er hängt an der Schweizerischen Nationalbank. Deren Leitzins liegt seit dem 21. März 2025 bei 0,25 Prozent. Auch die SNB hat ihren Zins in den vergangenen Monaten gesenkt.
Der Mechanismus ist derselbe. Wenn der Zins auf dem Konto niedriger ist als die Teuerung, verliert Guthaben real an Wert. Wie groß dieser Abstand ist, hängt vom Land und von der Währung ab. Die Frage, wo und in welcher Form Vermögen liegt, stellt sich in Zürich genauso wie in München oder Wien.
Was Sachwerte im selben Jahr gemacht haben
Ein Vergleich hilft, das Bild zu schärfen. Die London Bullion Market Association veröffentlicht täglich den Goldpreis, auch in Euro. Am 5. Juni 2024, eine Woche vor der ersten Zinssenkung, lag der Nachmittagspreis bei 2.150,51 Euro je Unze. Am 5. Juni 2025, dem Tag des neuen Zinsbeschlusses, waren es 2.940,63 Euro.
Das ist ein Plus von rund 37 Prozent in Euro in genau dem Jahr, in dem der Einlagesatz halbiert wurde. Das ist eine Momentaufnahme dieses Datums. Sie zeigt, wie unterschiedlich sich Guthaben und Sachwerte in derselben Zeit entwickeln können.
In Dollar war der Anstieg noch größer: von 2.340,05 auf 3.374,60 Dollar je Unze, also rund 44 Prozent. Der Unterschied erklärt sich über den Wechselkurs. Der Euro ist in dieser Zeit gegenüber dem Dollar stärker geworden. Die EZB nennt den stärkeren Euro in ihrem Beschluss sogar ausdrücklich als einen der Gründe, warum sie ihre Inflationsprognose gesenkt hat. Für dich als Euro-Anleger heißt das: Die Währung, in der du rechnest, verändert das Ergebnis. Auch das ist ein Argument dafür, nicht alles in einer einzigen Währung zu halten.
Die Lehre daraus ist keine Kaufempfehlung. Sie ist eine Frage der Aufteilung. Wer sein ganzes Vermögen in einer einzigen Form hält, hängt an einem einzigen Risiko. Sachwerte, Bankguthaben, Immobilien und Beteiligungen haben unterschiedliche Schwächen. Die Kunst liegt darin, sie so zu verteilen, dass kein einzelner Eingriff alles trifft.
Was das für deinen Vermögensschutz heißt
Vier Konsequenzen ergeben sich aus der Entscheidung vom 5. Juni.
Erstens: Liquidität kostet. Ein Notgroschen auf dem Konto ist richtig. Ein großer Teil des Vermögens auf dem Konto ist teuer. Jedes Jahr, messbar.
Zweitens: Der Ort zählt. Ein Konto bei einer Bank in der EU unterliegt dem europäischen Abwicklungsrecht. Deshalb sind Konten außerhalb der EU ein Baustein im Vermögensschutz. Nicht, weil man etwas zu verbergen hätte. Sondern weil ein Konto, das dem Zugriff europäischer Behörden entzogen ist, ein eigenes Element einer ernsthaften Schutzstrategie ist. Einen Überblick über Jurisdiktionen findest du bei den Nicht-EU-Bankkonten.
Drittens: Sichtbares Vermögen ist greifbares Vermögen. Guthaben ist für den Staat die einfachste Form von Vermögen. Es ist beziffert, gemeldet, sofort verfügbar. Wer über Vermögensabgaben nachdenkt, sieht beim historischen Lastenausgleich, wie der Staat schon einmal auf bestehendes Vermögen zugegriffen hat.
Viertens: Zeit ist ein Faktor. Kaufkraftverlust über den Zins ist langsam. Er fällt in einem Jahr kaum auf. Über fünf Jahre summiert er sich, wie der Preisindex seit 2020 zeigt. Wer seine Aufteilung erst ändert, wenn die Verluste sichtbar sind, hat sie schon getragen.
Für Immobilien in Deutschland gibt es mit der Grundbuchlösung einen eigenen Weg. Sie arbeitet mit Eintragungen im Grundbuch zugunsten einer Gesellschaft außerhalb der EU, entweder einer Wyoming LLC oder einer UK Stiftungs-Limited. Ein Eigentümerwechsel findet dabei nicht statt. Das ist für Guthaben kein Ersatz, aber für viele Eigentümer der größere Posten.
Die Lage am 6. Juni 2025
Die EZB hat den Einlagesatz auf 2,00 Prozent gesenkt. Es ist die achte Senkung in einem Jahr. Die Zinsen für Tagesgeld lagen in Deutschland zuletzt bei rund einem halben Prozent, die Inflation bei 2,1 Prozent. Guthaben verliert damit real an Wert, und die Steuer greift trotzdem auf den nominalen Zins zu.
Du kannst die Geldpolitik nicht ändern. Du kannst aber entscheiden, wie viel deines Vermögens ihr direkt ausgesetzt ist.
Nachtrag (Stand: 23.09.2026)
Seit dem Beitrag hat der EZB-Rat die Richtung gewechselt. Der Einlagesatz blieb bis in den Juni 2026 bei 2,00 Prozent. Mit Wirkung vom 17. Juni 2026 stieg er auf 2,25 Prozent, mit Wirkung vom 16. September 2026 auf 2,50 Prozent. So steht es in der Übersicht der EZB-Leitzinsen und im Beschluss vom 10. September 2026. Die Rechnung aus dem Beitrag bleibt dieselbe: Entscheidend ist, was deine Bank dir tatsächlich zahlt, nach Abgeltungsteuer, gemessen an der Teuerung. Welche Rolle Konten außerhalb der EU dabei spielen, steht bei den Nicht-EU-Bankkonten.