Am 23. Februar 2024 hat die Deutsche Bundesbank ihren Jahresabschluss für 2023 vorgestellt. Die Kernzahl: rund 21,6 Milliarden Euro Verlust. Um ihn auszugleichen, hat die Bundesbank ihre gesamte Wagnisrückstellung von 19,2 Milliarden Euro aufgelöst und weitere 2,4 Milliarden Euro aus ihren Rücklagen entnommen. Übrig sind knapp 0,7 Milliarden Euro.
Das klingt nach Buchhaltung einer Behörde. Es ist mehr. Es ist die Rechnung für ein Jahrzehnt Geldpolitik, und sie landet dort, wo jede Rechnung des Staates landet: bei denen, die ihn finanzieren. Wie du dein Vermögen so aufstellst, dass du in einer Krise handlungsfähig bleibst, beschreibt unsere Seite zur Krisenvorsorge für Vermögen.
Die Zahlen des 23. Februar
Vizepräsidentin Sabine Mauderer hat den Jahresabschluss 2023 erläutert. Die wichtigsten Punkte:
- Der Nettozinsertrag liegt bei minus 13,9 Milliarden Euro. Er ist damit zum ersten Mal negativ, 17,9 Milliarden Euro schlechter als im Vorjahr.
- Die Bundesbank verdient auf ihren geldpolitischen Wertpapieren im Schnitt 0,37 Prozent. Auf die Einlagen der Geschäftsbanken zahlt sie im Jahresdurchschnitt 3,27 Prozent. Die Zinsmarge beträgt minus 2,90 Prozent.
- Aus der Verteilung der monetären Einkünfte im Eurosystem kommt eine Belastung von 5,2 Milliarden Euro hinzu.
- Der Fehlbetrag vor Auflösung der Reserven: fast 21,6 Milliarden Euro.
- Ausgleich: Wagnisrückstellung 19,2 Milliarden Euro, vollständig aufgelöst. Rücklagen 2,4 Milliarden Euro entnommen. Verbleibende Rücklagen: knapp 0,7 Milliarden Euro.
- Bilanzgewinn: null, wie schon 2022.
Die Bilanzsumme ist 2023 um rund 390 Milliarden Euro oder 13 Prozent geschrumpft. Die Verbindlichkeiten aus geldpolitischen Operationen, im Wesentlichen Einlagen der Banken, liegen bei 1.110 Milliarden Euro. Knapp ein Drittel aller Einlagen der Kreditinstitute im Eurosystem liegt laut Mauderer bei der Bundesbank. Die TARGET-Forderungen der Bundesbank gegenüber der EZB, also ihre Forderungen aus dem Zahlungsverkehr innerhalb des Eurosystems, sind 2023 zum ersten Mal gesunken, um 176 Milliarden Euro.
Zur Größenordnung des Ganzen: Die konsolidierte Bilanz des Eurosystems lag laut EZB Ende 2023 bei 6.935 Milliarden Euro. Davon entfielen 4.694 Milliarden Euro auf Wertpapiere, die zu geldpolitischen Zwecken gehalten werden. Das ist der Bestand, dessen niedrige Verzinsung die Verluste erzeugt. Er schmilzt, aber langsam: 2023 um 243 Milliarden Euro, vor allem durch Tilgungen.
Wie der Verlust entstanden ist
Die Mechanik ist schnell erklärt. In den Jahren des billigen Geldes hat das Eurosystem in großem Stil Anleihen gekauft, vor allem Staatsanleihen. Die Bundesbank hält dabei Bundesanleihen in ihrem Portfolio. Die sind besonders bonitätsstark und deshalb besonders niedrig verzinst, wie Präsident Joachim Nagel in seinem Statement selbst betont.
Bezahlt wurden diese Käufe mit Zentralbankgeld, das als Guthaben der Banken bei der Bundesbank liegt. Solange der Einlagesatz bei null oder darunter lag, kostete das die Bundesbank nichts. Seit Mitte 2022 hat die EZB die Leitzinsen in 14 Monaten um viereinhalb Prozentpunkte angehoben, laut Nagel die größte und steilste Abfolge von Zinserhöhungen in der Geschichte der Währungsunion. Seitdem zahlt die Bundesbank hohe Zinsen auf kurzfristige Einlagen und verdient wenig auf langfristigen Anleihen.
Das ist das klassische Problem einer Bank, die lang anlegt und kurz refinanziert. Bei einer Geschäftsbank würde man von einem Zinsänderungsrisiko sprechen, das sich realisiert hat. Genau so nennt es auch die Bundesbank: Die Risiken hätten sich 2023 realisiert.
Die Bundesbank trägt auch fremde Anleihen mit
Ein Punkt verdient besondere Aufmerksamkeit. Die Bundesbank trägt nicht nur die Risiken ihrer eigenen Wertpapiere. Im Eurosystem werden die Einkünfte aus geldpolitischen Beständen zwischen den nationalen Zentralbanken nach dem Kapitalschlüssel geteilt. Deutschland hat daran einen Anteil von 26,1 Prozent.
Mauderer nennt ein konkretes Beispiel. Andere nationale Zentralbanken haben im Rahmen der Anleihekaufprogramme Wertpapiere supranationaler Emittenten gekauft, im Jahresdurchschnitt rund 418 Milliarden Euro. Die Bundesbank selbst hat davon keine Bestände. Trotzdem werden Einkünfte und Risiken aus diesen Papieren geteilt. Auf die Bundesbank entfällt daraus 2023 eine Belastung von etwa 3,7 Milliarden Euro, 3,3 Milliarden mehr als im Vorjahr.
Dazu kommt die EZB selbst. Sie hat am 22. Februar 2024 für 2023 einen Jahresfehlbetrag von 1,3 Milliarden Euro gemeldet, nach vollständiger Auflösung ihrer Rückstellung für finanzielle Risiken von 6,6 Milliarden Euro. Der Fehlbetrag wird als Verlustvortrag ausgewiesen. Die EZB schreibt, sie dürfte in den nächsten Jahren Verluste verzeichnen. Mauderer sagt dazu klar: Die EZB-Verluste werden früher oder später die Gewinn- und Verlustrechnung der Bundesbank belasten, entweder über eine spätere Verlustübernahme oder über ausbleibende Gewinnausschüttungen der EZB.
Die Inflation hat auch die Bundesbank selbst erreicht
Eine Zeile im Abschluss zeigt, wie tief die Teuerung reicht. Der Personalaufwand der Bundesbank ist 2023 um 861 Millionen Euro auf 2,1 Milliarden Euro gestiegen. Grund sind laut Mauderer höhere Zuweisungen zu den Pensionsrückstellungen, weil die Bezüge im Jahr 2024 inflationsbedingt steigen. Die Institution, deren Auftrag die Preisstabilität ist, bucht die Folgen der Inflation in der eigenen Bilanz.
Nagel hat die Lage der Haushalte am selben Tag mit eigenen Zahlen beschrieben. Der harmonisierte Verbraucherpreisindex ist in Deutschland 2023 um 6 Prozent gestiegen, nach 8,7 Prozent im Vorjahr. Das ist laut Nagel die zweithöchste Teuerung seit der Wiedervereinigung. In einer Befragung der Bundesbank sahen 47 Prozent der Privatpersonen ihren Haushalt durch die Inflation finanziell belastet, 11 Prozent sehr stark. Die Inflationsrate sinkt. Die Kaufkraft, die in zwei Jahren verloren ging, bleibt verloren.
Was der Bund verliert
Nach dem Bundesbankgesetz geht der Reingewinn der Bundesbank, nach Zuführung zur gesetzlichen Rücklage, an den Bund. In guten Jahren war das eine feste Einnahme des Bundeshaushalts. Für die Geschäftsjahre 2020 bis 2023 hat die Bundesbank nichts ausgeschüttet. 2020 und 2021 lag das laut Nagel vor allem an der Risikovorsorge, die die Bundesbank ab dem Jahresabschluss 2016 aufgebaut hatte. 2022 und 2023 lag es an den Verlusten.
Und es wird so bleiben. Nagel wörtlich: „Daher erwarten wir, längere Zeit keine Gewinne ausschütten zu können.“ Die Belastungen dürften nach seinen Worten noch mehrere Jahre anhalten und 2024 die verbliebenen Rücklagen übersteigen. Dann weist die Bundesbank einen Verlustvortrag aus. Künftige Gewinne müssen zuerst diesen Verlust abtragen, bevor wieder etwas an den Bund fließt.
Das ist die unauffällige Seite der Geschichte. Der Bund verliert eine Einnahmequelle, die jahrzehntelang selbstverständlich war. Er verliert sie in einer Phase, in der sein eigener Haushalt auf Kante genäht ist. Die Lücke muss anders gefüllt werden: über Steuern, über Kredite oder über Kürzungen. Die Kosten der Geldpolitik verschwinden nicht, sie wandern.
Die Zahlen des Abschlusses zeigen auch, warum diese Lage nicht in einem Jahr vorbei ist. Die negative Zinsmarge von 2,90 Prozent entsteht, weil die Bundesbank auf ihre geldpolitischen Wertpapiere im Schnitt 0,37 Prozent verdient und auf die Einlagen der Banken im Jahresdurchschnitt 3,27 Prozent zahlt. Sie verschwindet erst, wenn die Zinsen sinken oder die alten Anleihebestände auslaufen. Der Bestand an solchen Wertpapieren im Eurosystem lag Ende 2023 bei 4.694 Milliarden Euro und ist im ganzen Jahr nur um 243 Milliarden Euro geschrumpft, vor allem durch Tilgungen. Dazu kommen die Verluste, die die EZB selbst für die nächsten Jahre erwartet, und die Risiken aus Papieren anderer Zentralbanken, die die Bundesbank über ihren Kapitalanteil von 26,1 Prozent mitträgt. Nagel rechnet damit, dass die Belastungen schon 2024 die verbliebenen Rücklagen von knapp 0,7 Milliarden Euro übersteigen. Die Lücke im Bundeshaushalt bleibt damit über mehrere Jahre offen, nicht nur für ein einzelnes schlechtes Jahr.
Die Bundesbank ist solide, sagt die Bundesbank
Beide Statements schließen mit derselben Botschaft. Die Bilanz sei solide, die Bundesbank könne die Belastungen tragen. Nagel begründet das mit einem Satz, den man zweimal lesen sollte: „Zentralbanken sind in eigener Währung immer zahlungsfähig.“
Eine Zentralbank kann nicht pleitegehen wie ein Unternehmen, weil sie das Geld selbst schafft, in dem ihre Verbindlichkeiten lauten. Aber genau darin liegt die Pointe für dich als Sparer. Eine Institution, die immer zahlen kann, weil sie Geld erzeugen kann, trägt ihre Verluste nicht wie ein Unternehmen bis zur Insolvenz. Sie trägt sie über die Zeit: über entgangene Gewinne für den Staat, über jahrelange Verlustvorträge und am Ende über das Vertrauen in das Geld, das sie ausgibt.
Mauderer weist auf einen historischen Vorlauf hin: Verlustvorträge habe die Bundesbank bereits in den 1970er Jahren ausgewiesen, und damals seien sie durch spätere Gewinne ausgeglichen worden. Das ist die Präzedenz, auf die sich die Bundesbank beruft.
Nagel stellt außerdem klar, wo die Prioritäten liegen: „Die Bundesbank wird weiterhin entschieden für Preisstabilität eintreten, auch wenn dies zu finanziellen Verlusten führt.“ Das heißt: Die Verluste sind kein Unfall. Sie sind der in Kauf genommene Preis einer Politik, und sie laufen weiter, solange die Zinsen hoch und die alten Anleihebestände groß sind.
Worauf die Solidität tatsächlich ruht
Wer wissen will, was die Bundesbank im Ernstfall stützt, muss in die Neubewertungsreserven schauen. Nagel beziffert die Bewertungsreserven auf fast 200 Milliarden Euro. Mauderer schlüsselt auf: Der Ausgleichsposten aus Neubewertung liegt bei 197 Milliarden Euro, davon entfallen 193 Milliarden Euro auf Gold. Diese Reserve ist 2023 um 17 Milliarden Euro gestiegen, weil der Goldpreis in Euro zum Bilanzstichtag um 9,5 Prozent höher lag. Seit Beginn der Währungsunion 1999 hat sie sich verneunfacht. Zum Vergleich: Die Rücklagen, die nach dem Verlustausgleich übrig bleiben, betragen knapp 0,7 Milliarden Euro. Die Goldreserve ist rund 275-mal so groß.
Das ist der Kern der Sache. Die Wertpapiere aus den Kaufprogrammen erzeugen Verluste. Was die Bilanz der deutschen Zentralbank stabil hält, ist das Metall in ihren Tresoren. Der eigentliche Puffer der Bundesbank ist Gold. Für private Vermögen ist das kein schlechtes Vorbild. Welche Rolle Gold und andere Sachwerte in einer Vermögensaufstellung spielen können, zeigen unsere Übersicht zu Investitionen in Sachwerte und die Seite zu Edelmetallen außerhalb der EU.
Was du daraus mitnimmst
Die Bundesbank kann nicht zahlungsunfähig werden. Dein Vermögen kann es sehr wohl, zumindest in der Kaufkraft. Die Verluste von 2023 sind kein Anlass zur Panik, aber sie sind ein Datenpunkt: Die Institution, die hinter deinem Geld steht, hat ihre Puffer verbraucht, und der Staat, dem ihre Gewinne zustehen, verliert Einnahmen.
Drei Fragen helfen bei der Einordnung. Welcher Anteil deines Vermögens liegt als Guthaben in Euro? Welcher Anteil liegt bei inländischen Banken und Verwahrern? Und welcher Anteil existiert physisch, außerhalb des Bankensystems und außerhalb des Rechtsraums, in dem du lebst? Die Antworten zeigen deine Abhängigkeit, nicht deine Rendite.
Krisenvorsorge heißt in dieser Lage vor allem Redundanz. Nicht alles in Euro, nicht alles bei inländischen Banken, nicht alles im selben Rechtsraum. Für die Handlungsfähigkeit im Ernstfall sorgen Konten in Nicht-EU-Staaten, wenn inländische Konten eingefroren oder mit Abgaben belegt werden. Edelmetalle gehören physisch in Zollfreilager und Hochsicherheitsverwahrung außerhalb der EU, auf deinen Namen, außerhalb des Bankensystems.
Für Immobilien in Deutschland gibt es einen Weg ohne Verkauf und ohne Übertragung: gezielte Eintragungen in den Abteilungen I, II und III des Grundbuchs zugunsten einer Struktur außerhalb der EU, gleichrangig über eine Wyoming LLC oder eine Stiftungs-Limited in London. Ein Eigentümerwechsel findet nicht statt, die steuerliche Situation bleibt unverändert, und alle Maßnahmen sind reversibel. Wie das abläuft, steht auf der Seite zum Immobilienschutz. Trust und Family Investment Company sind dagegen Wegzugsstrukturen und kommen erst in Betracht, wenn ein Umzug ins Ausland tatsächlich ansteht.