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Bundesbank: Fast zwei Drittel der Sparkassen und Genossenschaftsbanken tragen stille Lasten

Veröffentlicht: 24.11.2023 · Banken & Bail-in

Am Donnerstag, 23. November 2023, hat die Deutsche Bundesbank ihren Finanzstabilitätsbericht vorgestellt. Ein Satz aus dem Eingangsstatement ihrer Vizepräsidentin Claudia Buch betrifft Sparer direkt. Stille Reserven hätten die bisherigen Verluste aufgefangen, sagte sie, „inzwischen weisen aber fast zwei Drittel der Sparkassen und Genossenschaftsbanken stille Lasten im gesamten Zinsbuch auf“. So steht es im veröffentlichten Statement der Bundesbank.

Sparkassen und Volksbanken sind regional verankert. Bei ihnen liegen die Ersparnisse vieler Familien und Betriebe. Deshalb lohnt es sich, genau hinzusehen, wenn die Bundesbank über sie spricht.

Warum ein Teil des Vermögens auch außerhalb des heimischen Bankensystems liegen sollte, beschreiben wir auf unserer Seite zu Bankkonten außerhalb der EU. Der Bericht der Bundesbank erklärt, was stille Lasten sind und woher sie kommen. Was daraus für dein Geld folgt, ergibt sich aus dem Gesetz.

Was stille Lasten sind

Banken halten große Bestände an Wertpapieren, vor allem Anleihen, und vergeben Kredite. Viele dieser Anleihen und Kredite wurden in der Zeit der Niedrigzinsen abgeschlossen. Sie bringen wenig Zins.

Als die Zinsen stiegen, fiel der Marktwert dieser alten Anleihen. Eine Anleihe mit einem Prozent Zins ist weniger wert, wenn neue Anleihen vier Prozent bringen.

In der Bilanz muss dieser Wertverlust aber nicht immer sichtbar werden. Viele Banken führen ihre Wertpapiere zu den ursprünglichen Anschaffungskosten. Die Bundesbank beschreibt die Folge so: Damit liegen die Buchwerte oft über den aktuellen Marktwerten, bei einem Verkauf würden Verluste entstehen.

Das Zinsbuch umfasst dabei nicht nur Wertpapiere. Es enthält alle zinstragenden Positionen außerhalb des Handelsbuchs, also auch die Kredite. So erklärt es die Bundesbank in den Anmerkungen zu ihrem Statement.

Die Differenz zwischen Buchwert und Marktwert ist die stille Last. Still, weil sie in der Bilanz nicht erscheint. Last, weil sie real ist, sobald die Bank verkaufen muss.

Wie groß die Lücke ist

Die Bundesbank nennt Zahlen. Bei Sparkassen und Kreditgenossenschaften entsprach Ende 2022 die Summe aus abgebauten stillen Reserven und aufgebauten stillen Lasten 14,2 Prozent des harten Kernkapitals. Bei großen, systemrelevanten Banken waren es 5,8 Prozent.

Das harte Kernkapital ist das Polster, mit dem eine Bank Verluste auffängt. Bei den regionalen Instituten entspricht rund ein Siebtel dieses Polsters dem, was die Zinswende an Reserven aufgezehrt und an Lasten aufgebaut hat.

Die Bundesbank zeigt auch, wie die Institute reagiert haben. Sparkassen und Genossenschaftsbanken haben Wertpapiere aus dem Umlaufvermögen ins Anlagevermögen umgewidmet. Der Anteil der Wertpapiere im Anlagevermögen stieg von 14 Prozent Ende 2021 auf 44 Prozent Ende 2022. Das ist zulässig. Es verschiebt aber den Zeitpunkt, an dem Verluste sichtbar werden.

Die Lage hinter den Zahlen

Die Bundesbank ordnet die stillen Lasten in ein größeres Bild ein. Die EZB hat ihre Leitzinsen in kurzer Zeit stark angehoben, auf zuletzt 4,5 Prozent für ihre Hauptrefinanzierungsgeschäfte. Einen Anstieg der kurzfristigen Zinsen um mehr als 300 Basispunkte hat es nach Angaben der Bundesbank in den vergangenen 25 Jahren praktisch nie gegeben.

Gleichzeitig ist die Wirtschaft schwach. Die Bundesbank erwartet für Deutschland im laufenden Jahr einen leichten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 0,3 Prozent. Auch das Wachstum auf lange Sicht hat sich verlangsamt, auf zuletzt weniger als ein Prozent.

Und dann folgt ein Satz, der für jeden Sparer zählt. Die geld- und fiskalpolitischen Spielräume seien enger geworden, sagte Buch, und damit „die Möglichkeiten, in Stressphasen großzügig Finanzhilfen zur Verfügung zu stellen“.

Das heißt: In den letzten Krisen haben Staat und Zentralbank mit viel Geld gestützt. Nach den Worten der Bundesbank ist der Spielraum dafür heute kleiner. Umso mehr kommt es darauf an, wer in einer Schieflage zuerst zahlt.

Die Kosten der Einlagen steigen

Ein dritter Punkt aus dem Bericht betrifft dich als Kunden unmittelbar. Haushalte und Unternehmen haben Geld von Girokonten auf höher verzinste Festgelder umgeschichtet. Das erhöht die Zinskosten der Banken.

Die Bundesbank hat nachgerechnet. Hätten die Banken höhere Zinsen so schnell wie früher an ihre Kunden weitergegeben, wäre ihr Zinsüberschuss in diesem Jahr um 29 Milliarden Euro niedriger ausgefallen, also um ein Drittel.

Auf der anderen Seite der Bilanz ist es schwer, die steigenden Kosten auszugleichen. Der gesamte Kreditbestand der Banken ist mit gut drei Prozent verzinst. Neue Kredite bringen rund fünf Prozent, aber die Nachfrage ist schwach. Die gestiegenen Zinsmargen, die die Bundesbank den Banken bescheinigt, beruhen also auch darauf, dass Sparer höhere Zinsen bisher langsamer bekommen als früher.

Warum das in einer Krise zählt

Solange niemand verkaufen muss, bleibt die stille Last still. Das Problem beginnt, wenn eine Bank Geld braucht.

Die Bundesbank formuliert es nüchtern. Die so entstandenen stillen Lasten können in Stressphasen zu Engpässen in der Liquidität führen. Institute könnten zögern, ihre Liquidität über den Verkauf von Wertpapieren zu verbessern und so Verluste zu realisieren.

Übersetzt heißt das: Wenn viele Kunden gleichzeitig ihr Geld abziehen, muss eine Bank Wertpapiere verkaufen. Dann werden aus stillen Lasten echte Verluste. Und diese Verluste treffen das Kapital der Bank genau in dem Moment, in dem sie es am dringendsten braucht.

Die Bundesbank erinnert selbst an die Bankenturbulenzen im März 2023. Krisen entstehen, so Buch, aus dem Zusammenspiel zwischen schwachem Risikomanagement der Institute und makroökonomischen Schocks.

Ihre Einschätzung fällt deutlich aus: „Insgesamt wäre es daher verfrüht, Entwarnung zu geben.“

Das zweite Risiko: Gewerbeimmobilien

Neben den Zinsen nennt die Bundesbank ein zweites Risiko. „Kurzfristig sehen wir insbesondere Risiken aus dem Gewerbeimmobiliensektor“, sagte Buch.

Die Zinswende hat die Preise für Immobilien fallen lassen. Sicherheiten müssen neu bewertet werden. Bei Gewerbeimmobilien ist die Zinsbindung deutlich kürzer als bei Wohnimmobilien. Bei rund einem Drittel dieser Kredite dürften die Zinsen nach Einschätzung der Bundesbank kurzfristig steigen.

Dazu kommen Insolvenzen. Besonders betroffen sei das Grundstücks- und Wohnungswesen. Auf diesen Sektor entfallen nach Angaben der Bundesbank 30 Prozent der Kredite an Unternehmen. Für die Banken ist das ein wesentlicher Teil ihres Geschäfts.

Bei Wohnimmobilien sieht die Bundesbank die Risiken kurzfristig als begrenzt an. Rund 40 Prozent der privaten Immobilienkredite haben eine Zinsbindung von mindestens zehn Jahren. Das verschiebt das Zinsrisiko allerdings von den Haushalten zu den Banken.

Was ein Stresstest zeigt

Wie würden die deutschen Banken eine schwere Rezession verkraften? Die Bundesbank verweist auf den europäischen Stresstest des Jahres 2023. Darin fällt die Wirtschaftsleistung in Deutschland über drei Jahre um 6,4 Prozent.

In diesem Szenario sinkt die harte Kernkapitalquote der deutschen Banken insgesamt um knapp sechs Prozentpunkte auf gut zehn Prozent. Ein signifikanter Teil der Banken würde die aufsichtlichen Anforderungen an das Kapital unterschreiten. Über Ansteckungseffekte zwischen den Banken könnte die Quote um einen weiteren Prozentpunkt fallen.

Das ist ein Szenario, keine Prognose. Aber es zeigt, wie dünn das Polster werden kann, wenn mehrere Belastungen zusammenkommen.

Der Puffer der Aufsicht

Die Aufsicht hat vorgesorgt. Im Januar 2022 wurde ein Paket beschlossen, das die Banken zu zusätzlichem Kapital verpflichtet. Nach Angaben der Bundesbank schafft es einen zusätzlichen Kapitalpuffer von knapp 24 Milliarden Euro. Fast alle Banken konnten die Anforderungen erfüllen, ohne neues Kapital aufnehmen zu müssen.

Freigeben will die Bundesbank diesen Puffer erst, wenn wegen hoher Verluste eine Kreditklemme droht. Eine schlechtere Konjunktur allein reicht dafür nicht. Der Puffer ist also für den Ernstfall gedacht, nicht für einen schwachen Winter.

Für dich heißt das: Das System hat Reserven. Diese Reserven sind aber für die Stabilität der Banken da. Sie sind keine Garantie für dein einzelnes Guthaben.

Was deine Einlage schützt

Für Sparer ist die wichtigste Frage einfach: Was passiert mit meinem Geld, wenn eine Bank in Schwierigkeiten gerät?

Die gesetzliche Einlagensicherung in Deutschland deckt 100.000 Euro je Einleger und Bank. So steht es im Einlagensicherungsgesetz. In bestimmten Fällen, etwa nach dem Verkauf einer selbst genutzten Wohnimmobilie oder bei Lebensereignissen wie Renteneintritt oder Scheidung, erhöht sich die Deckung vorübergehend auf bis zu 500.000 Euro.

Was darüber liegt, ist nicht gesetzlich gedeckt. Und es kann bei einer Bankenabwicklung herangezogen werden.

Das Instrument dafür heißt Gläubigerbeteiligung, auf Englisch Bail-in. Liegen die Voraussetzungen für eine Abwicklung vor, kann die Abwicklungsbehörde anordnen, dass Verbindlichkeiten der Bank in Anteile umgewandelt oder herabgeschrieben werden. So regelt es das Sanierungs- und Abwicklungsgesetz. Gedeckte Einlagen sind davon bis zur Höhe der Einlagensicherung ausgenommen. Der Teil darüber nicht.

Zypern 2013: der Präzedenzfall

Wie das in der Praxis aussieht, hat Europa schon einmal erlebt. Im März 2013 einigte sich die Eurogruppe mit Zypern auf die Rettung des Bankensystems. Die Laiki Bank wurde abgewickelt, unter voller Beteiligung der nicht gesicherten Einleger. Bei der Bank of Cyprus wurden die nicht gesicherten Einlagen in Aktien umgewandelt. Bis zur Rekapitalisierung blieben sie eingefroren. Alle Einlagen unter 100.000 Euro blieben geschützt. So steht es in der Erklärung der Eurogruppe vom 25. März 2013.

Seitdem ist die Gläubigerbeteiligung nicht mehr die Ausnahme eines Krisenwochenendes. Sie ist geltendes Recht in der ganzen EU, in Deutschland im Sanierungs- und Abwicklungsgesetz.

Das heißt nicht, dass einer Sparkasse oder Volksbank morgen dasselbe droht. Sparkassen und Genossenschaftsbanken gehören institutsbezogenen Sicherungssystemen an, die das Gesetz als Einlagensicherung anerkennt. Es heißt aber: Die Befugnis, Einlagen oberhalb der Deckungsgrenze heranzuziehen, existiert und ist erprobt.

Befugnisse, nicht Absichten

Die Bundesbank warnt nicht vor einem Bankensturm. Sie beschreibt Verwundbarkeiten. Das ist ihre Aufgabe.

Für dich als Vermögenden ergeben sich daraus nüchterne Tatsachen.

Erstens: Ein großer Teil der regionalen Banken trägt Verluste in den Büchern, die erst sichtbar werden, wenn verkauft werden muss.

Zweitens: Die gesetzliche Einlagensicherung endet bei 100.000 Euro je Bank.

Drittens: Für den Teil darüber gibt es ein gesetzliches Instrument, ihn im Abwicklungsfall heranzuziehen.

Dazu kommt eine vierte: Der Spielraum von Staat und Zentralbank, in Stressphasen großzügig zu helfen, ist nach den Worten der Bundesbank enger geworden.

Keine dieser Tatsachen ist ein Grund zur Panik. Zusammen sind sie ein Grund, nicht alles an einem Ort zu halten.

Was das für dein Vermögen heißt

Verteile Guthaben. Wer größere Beträge auf Konten hält, sollte wissen, wo die Deckung endet. Die Grenze gilt je Einleger und Bank, nicht je Konto. Girokonto, Tagesgeld und Festgeld bei derselben Bank teilen sich also dieselbe Deckung. Mehrere Banken sind ein erster Schritt. Mehrere Rechtsräume sind ein zweiter.

Denk über die EU-Grenze hinaus. Die Regeln zur Gläubigerbeteiligung gelten in der ganzen EU. Ein Konto in einem Land außerhalb der EU folgt anderen Regeln. Welche Länder infrage kommen und worin sie sich unterscheiden, zeigt unsere Übersicht zu Nicht-EU-Bankkonten. Warum die EU-Grenze die eigentliche Trennlinie ist, erklären wir unter Warum außerhalb der EU. Die Kontoeröffnung selbst begleitet unsere Schwesterseite FreedomBanking Plus.

Halte Werte außerhalb des Bankensystems. Physisches Gold, das du selbst oder getrennt verwahren lässt, ist keine Forderung gegen eine Bank. Es ist kein Guthaben, das in einer Bankenabwicklung herangezogen werden kann. Wie Edelmetalle in eine Schutzstrategie passen, steht in unserer Übersicht zu Edelmetallen.

Sichere die Immobilie. Für Eigentümer, die in Deutschland wohnen bleiben, setzt unsere Lastenausgleich-Lösung am Grundbuch an. Eine Gesellschaft außerhalb der EU, als Stiftungs-Limited in UK oder als Wyoming LLC in den USA, erhält Eintragungen im Grundbuch deiner Immobilie. Die Immobilie wird nicht übertragen, es gibt keinen Eigentümerwechsel, und die steuerliche Situation bleibt unverändert. Den Vergleich beider Wege zeigt unser Immobilienschutz.

Für Anleger in Österreich und der Schweiz gelten eigene Einlagensicherungen mit eigenen Regeln. Der Grundgedanke bleibt gleich: Eine Bank ist ein Schuldner. Wer ihr mehr anvertraut, als gesichert ist, trägt ihr Risiko mit.

Nachtrag (Stand: 23.09.2026)

Seit dem Beitrag hat der EZB-Rat die Richtung zweimal gewechselt. Der Zinssatz für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte blieb bis Juni 2024 bei 4,50 Prozent und sank dann in acht Schritten auf 2,15 Prozent, gültig ab dem 11. Juni 2025. Mit Wirkung vom 17. Juni 2026 stieg er auf 2,40 Prozent, mit Wirkung vom 16. September 2026 auf 2,65 Prozent; der Einlagesatz liegt seitdem bei 2,50 Prozent. So steht es in der Übersicht der EZB-Leitzinsen und im Beschluss vom 10. September 2026. Wie Konten außerhalb des Euroraums dein Bankrisiko verteilen, beschreibt unsere Übersicht zu Nicht-EU-Bankkonten.